Geschichten, Glossen, Satiren, Humor, Unsinn, Erleuchtung - ich lache auch für Kalauer

Dienstag, 6. September 2011

So denke ich, dass sie denkt...

Geschichten des täglichen Lebens

Natürlich ist es schwer, mit Frauen zu kommunizieren. Man weiß nie, was sie wirklich denken.

Bei der Dame meines Herzens und mir fängt es zum Beispiel am Frühstückstisch an.

Gestern morgen, nachdem ich zu Ende gegessen hatte, entfuhr mir ein unbedarftes:
„So“.
Sie sah mich an.
„Und was?“
„Nichts. Was denn?“
„Nach ‚so’ muss immer eine Aktion folgen“, erklärte sie.
Mir war das neu.
„Du sagst oft ‚so’", warf ich ein. „Von dir habe ich das übernommen.“
„Ja, und wenn ich es sage, dann mach ich auch was. Zum Beispiel den Tisch abräumen.“

So werden Regeln aufgestellt.

Heute morgen trank sie ihren Kaffee aus, stellte die Tasse mit einem Knall auf den Tisch und sagte:
„So!“
Da wusste ich, jetzt würde sie das Frühstücksgeschirr abräumen. Doch es geschah nichts, seelenruhig las sie weiter in der Zeitung.
„Nach ‚so’ muss immer eine Handlung folgen“, sagte ich.
„Machst du ja auch nicht“, erwiderte sie beinahe schnippisch.

Inkonsequenzen bin ich selbstverständlich gewohnt, aber ich hätte gerne endlich den Frankfurt-Teil der Zeitung gelesen, der ja wahnsinnig spannend sein musste, so wie sie sich darüber beugte.

„Nach ‚so’ muss man die Zeitung tauschen. Neue Regel“, versuchte ich es, aber sie ging nicht darauf ein.

Also stand Ich auf und räumte den Tisch ab. Als ich fertig war, hatte sie die Zeitung ausgelesen.
"So, dann kann ich ja."
Ich schenkte mir einen zweiten Kaffee ein, und stellte fest, dass überhaupt nichts Interessantes im Frankfurt-Teil stand. Ich blätterte noch einmal - aber nichts.
Kurz überlegte ich, zu fragen, welchen Artikel sie auswendig gelernt hat - aber vielleicht ist das Leben schöner, wenn man manchem Rätsel sein Geheimnis lässt.

Für die Dame meines Herzens hat sich das alles ganz anders abgespielt.
Als sie gestern in ihre Gedanken versunken am Frühstückstisch saß und überlegte, ob sie den Tisch abräumen sollte oder doch noch ein Toast? Und sie muss vor neun Uhr noch eine Kollegin anrufen und wenn die nicht da ist, was soll sie ihr auf den Anrufbeantworter sprechen, oder doch lieber eine Mail schreiben? Und (ich muss dies so ausführlich wieder geben, weil die Dame meines Herzens so umständlich denkt) zwei drei Berichte in der Zeitung sind auch noch zu lesen, aber wann liest die Kollegin die Mail und überhaupt, warum kaut der Kerl neben ihr eigentlich so selbstzufrieden sein Nutellatoast, wenn die Welt gerade im Chaos versinkt - und in diesem Augenblick spülte ich den letzten Bissen mit einem Schluck Kaffee hinunter und sagte:
„So“.
„Was so?“
„Nichts, was denn?“
Diese Antwort half ihr überhaupt nicht weiter bei ihren dreizehneinhalb Problemen und wenn ich schon so großspurig ‚so’ sagte (als ob ich mich in diesem Augenblick anschickte, Rom neu zu erbauen), könnte ich zumindest den Tisch abräumen!

Heute morgen war das längst vergessen. Rom wurde gestern nicht gebaut, aber der Käse in den Kühlschrank gestellt. Und irgendjemand hatte ihn sogar pünktlich zum Frühstück wieder heraus geholt. Der Kaffee war heiß und stark.
„So!“
Sie stellte die Tasse auf den Tisch. Jetzt erst mal in Ruhe die Zeitung lesen.
„Nach ‚so’ muss man die Zeitung tauschen“, sagte ich.

Aber doch nicht bei diesem ‚so’! Denkt sie sich, während sie weiter auf diesen unwichtigen Zeitungsartikel starrt. Jede Frau weiß, dass es unterschiedliche ‚sos’ gibt. Manche verlangen Aktion, manche sagt man einfach nur so, ohne Grund, weil man irgendwas sagen muss. Frauen müssen oft irgendwas sagen. Ohne Grund.
Dass gerade ihr Freund das nicht versteht! Typisch Mann. Nur immer schwarz-weiß, als ob das Leben so-oder-so wäre und nicht auch mal ganz anders.

Das denkt sie selbstverständlich nicht wirklich. Ich weiß nicht, was sie denkt. Wenn ich es wüsste, hätte ich niemals so naiv einfach nur "so" gesagt.

Kommentare:

Herr Stefanowitz hat gesagt…

mit der schönste Text den ich hier je gelesen habe:)

meinblogwalter hat gesagt…

Oh, das freut mich sehr! Vielen Dank.