Geschichten, Glossen, Satiren, Humor, Unsinn, Erleuchtung - ich lache auch für Kalauer

Donnerstag, 5. Januar 2012

Dem Wahren, Schönen, Guten


Was ist schon authentisch und wie können wir das Ganze beurteilen?
Und lieben wir Herrn Wulff wie ein Rebornbaby?

Wir werden doch alle mal hinters Licht geführt. Kürzlich wurde bei einem Bericht des ZDF heute-journals der Bildungsdirektor der schweizerischen Gemeinde Könitz, Ueli Studer, interviewt.
An der Wand hinter dem wackren Schweizer hing eine große, gut sichtbare Uhr (wie es sich in der Schweiz gehört, könnte man meinen). Sie zeigte 16 Uhr und drei Minuten an. Man sieht die Wanduhr, den Oberkörper des erzählenden Ueli Studer und seine gefalteten Hände, die auf einem Tisch liegen. 16 Uhr drei. Dann ein Schnitt auf Studers Hände. Seine Armbanduhr ist groß im Bild. Sie zeigt Punkt 16 Uhr.
Wollte das ZDF - Team dem Mann eins auswischen? War es eine kleine, beabsichtigte Bosheit: Seht her, auch in der Schweiz gehen Uhren falsch - oder steckte mehr dahinter?
Der Schnitt auf gefalteten Hände dauerte exakt eine Sekunde, dann kam Studer wieder voll ins Bild, im Hintergrund die Wanduhr, die jetzt 16 Uhr und acht Minuten anzeigte. In einer Sekunde hat diese Uhr fünf Minuten gut gemacht, während die Armbanduhr des Ueli Studer in genau dieser Sekunde zwischen drei und acht Minuten nachging.

Die Auflösung ist einfach. Weder vollzog die Wanduhr Sprünge, noch ging die Armbanduhr nach. Der Regisseur hat lediglich fünf Minuten Redebeitrag des (zugegenenermaßen) nicht gerade flott sprechenden Schweizers heraus geschnitten, und um diesen Schnitt zu kaschieren, hat er ein kleines Zwischenspiel mit gefalteten Händen eingebaut. Was für den Zuschauer wie ein kurzes Atemholen des Sprechenden wirkte, waren in Wirklichkeit fünf Minuten Gerede, die irgendwo im Nirwana verschwunden ist.
Ohne die Uhren, wäre das nie aufgefallen, aber irgendeinen Indikator braucht es immer, damit die Wahrheit ans Licht kommt.

Im Leben ist es oft ein Geben und Nehmen und dabei spielt Ehrlichkeit eine entscheidende Rolle.
Listspinnen-Männchen, zum Beispiel, bringen ihrem zum Sex auserwählten Weibchen ein Geschenk mit. Ohne läuft gar nichts. Das Geschenk sollte ein proteinreiches Insekt sein, eingewickelt in Seide, fertig zum Verspeisen, dargebracht in Demut.
Manche Männchen versuchen zu schummeln und kredenzen ihrer Auserwählten eine bereits ausgelutschte Insektenhülle oder ein Wollknäuelchen.
Die Damen jedoch sind schlau genug, noch während des Geschlechtaktes die Ware zu prüfen - und sobald sie den Eindruck haben, betrogen worden zu sein, beenden sie jegliches Liebesspiel auf der Stelle. Davon, dass ein Männchen freiwillig zurück getreten wäre, hat man noch nichts gehört.
Dennoch gilt: Wer keine echte Ware liefert, verpasst den Höhepunkt.

Einer ganz andere Art von Unechtheit bin ich in der Vorweihnachtszeit über den Weg gelaufen (also ungefähr zu der Zeit, als erste Vorwürfe gegen unseren Bundespräsidenten erhoben wurden).
Rebornbabys. Wer sie nicht kennt, sollte diesen Begriff einmal googeln und sich die zugehörigen Bilder anschauen. Es wird ihn schütteln. Rebornbabys sind Puppen, die aussehen wie lebendige Babies, soviel wiegen wie lebendige Babies und so untot wirken wie eine reziprok geliftete Zsa Zsa Gabor.  
Sie erhalten Namen und man kann sie inklusive Geburtsurkunde kaufen oder auch adoptieren. Es gibt Menschen, die eine solche Puppe exakt so behandeln, als wäre es ihr echtes Baby aus Fleisch und Kautschuk.
Diese Menschen schauen einem leblosen Gegenstand ins schauderhaft real wirkende Gesicht und fühlen dabei echtes Leben - und nur böse Menschen würden behaupten, sie schwindelten sich was vor.

Und weil es jetzt so gut passt, möchte ich die eingangs gestellte Frage beantworten, wie ich es mit Wulff halte.
Ich meine, er sollte nicht zurücktreten.
Christian Wulff ist der Bundespräsident, den wir verdient haben. Er repräsentiert aufs Beste einen weit verbreiteten Typus unserer Zeit: den sanften Karrieristen mit Schwiegermutterbonus; den Vorteilsnehmer mit wenig Stil, der nicht einmal besonders niederträchtig ist, nur halt eben unverschämt; der keine Eier hat, Konsequenzen zu ziehen; der Schuld bei anderen sucht, der Kanten haben will aber konturlos ist und ansonsten jammert und sich als Opfer sieht. Dieser Präsident kann als abschreckendes Beispiel für unsere Kinder herhalten. Und wir können uns bis 2015 überlegen, welche wirklich integere, souveräne Persönlichkeit das Amt übernehmen könnte.
Die bleibenden dreieinhalb Jahre werden wir Wulff noch ertragen können - und falls er wirklich dazu gelernt hat, ist er vielen anderen möglichen Kandidaten immerhin diesen einen Schritt voraus.

Kommentare:

Masterchief hat gesagt…

Ja genau, ich bin auch dafür, daß er nicht zurücktritt. Und zwar aus dem Grund, weil der BILD zum Feind hat.

Matthias Lüttin hat gesagt…

Gut, wenn wir die Helden der heutigen Zeit nicht aus diesen Kontrahenten auswählen müssen...